Wifür Hintergrund


Ordnung und Chaos in der lebendigen und in der physikalischen Welt

(nach einem Vortrag, mit einigen Kürzungen, gehalten bei der Frühjahrstagung des Forschungskreises für Geobiologie e. V. am 19.3.1989, veröffentlicht in „Wetter – Boden – Mensch“ 3/1990)

 

Als junger Mensch wird man schon früh mit Chaos und Ordnung konfrontiert, wenn man feststellt, dass seine Kräfte, um das Chaos in seinem Zimmer zu verursachen, größer sind als die liebevollen Ordnungskräfte der Mutter.
Später erfährt man, dass die Schöpfung der Welt, die Umwandlung vom Chaos in Kosmos, Ordnung bedeutet, und nach der Erfahrung mit seinem Zimmer empfindet man diesen Gedanken als verständlich. In der Schule lernte ich dann die Wunderwelt der Physikalischen Gesetze kennen und meinte damals, dass die Physik die Methode beschreibt, mit der die schöpferische Ordnung erreicht wird. Diese Annahme erwies sich jedoch als Fehler, und über die Konsequenzen dieses Fehlers möchte ich sprechen.

Als erstes Ergebnis drängte sich mir die Einsicht auf, dass die Umwandlung von Chaos in Kosmos sich nicht auf die Materie, sondern auf das Lebendige bezieht.
Um mathematische Formeln zu umgehen, möchte ich meine Gedanken an einem Beispiel erläutern.
Stellen Sie sich bitte eine Baustelle vor. Die Steine für das Haus sind angeliefert, der Mensch ordnet die Steine zu einem Haus. Die Physik nun lehrt, dass es im Prinzip möglich wäre, dass die Steine sich von selbst, sich rein zufällig, zu einem Haus zusammenfinden. Die Wahrscheinlichkeit, dass das stattfindet, ist jedoch außerordentlich klein und widerspricht der Erfahrung.

Wenn der Mensch seine ordnenden Fähigkeiten nicht einsetzen würde, also sein Haus nicht instand hält, erhalten die physikalischen Kräfte wie Regen und Wind ihre Chance, so dass das Haus zerfällt. Die Ordnung des Hauses verwandelt sich in das Chaos, in eine Ruine.
Ein weiteres Beispiel: eine als Wegweiser aufgestellte steinerne Pyramide zerfällt, so dass nach einiger Zeit die Steine wieder ungeordnet herumliegen.
Als letztes Beispiel möchte ich den Menschen selbst betrachten. Solange er lebt hält das Leben den Körper in einem geordneten Zustand. In dem Augenblick, in dem der Mensch stirbt, wird sein Körper den physikalischen Kräften übergeben, so dass dieser zerfällt. Auch die Redewendung „der Zahn der Zeit“ deutet auf eine Zunahme des Chaos hin.
Diese Erfahrungen werden von der Physik folgendermaßen formuliert: In geschlossenen Systemen sind alle physikalischen Gesetze der Art, dass die Zunahme der Unordnung, das Chaos (Zunahme der positiven Entropie) die größte Wahrscheinlichkeit hat.

Man könnte die Physik folgendermaßen definieren:

Die Physik ist das System der Naturgesetze, womit beschrieben wird, wie auf „geordneter“ kausaler Weise ein immer größeres Chaos erreicht wird.

 

Zusammenfassend bedeutet das:
Physik ( Beschreibung der Materie): Prinzip Chaos
Leben : Prinzip Ordnung

Um das Zusammenwirken von Leben und Materie zu klären, haben sich sowohl Physiker als auch Philosophen bemüht. In den entstandenen Theorien gibt es zwei grundsätzliche Richtungen:

1. Das Leben ist ein Teil der Physik. Alles in der Welt könne mittels der Physik und des Zufalls erklärt werden. Für Geist und Gott sei kein Platz. Die Strömungen, die dieser These huldigen, sind u.a. Reduktionismus (Manfred Eigen), Neodarwinismus (A. Weismann), Materialismus (Karl Marx).

2. Das Leben hat eine höhere Dimension als Physik und Materie.
(Erwin Schrödinger; Anthroposophie (Rudolf Steiner); Albert Einstein (Gott würfelt nicht)). Da namhafte Philosophen und Physiker sich über diese Frage nicht einigen konnten und können, käme eine Entscheidung für eine dieser beiden Thesen einem Glaubensbekenntnis gleich.

Für meine Argumentation werde ich die Definition eines Wunders benutzen gemäß Brockhaus: Wunder, lateinisch: Miraculum – Ein Vorgang, der die Erfahrung oder die Naturgesetzen widerspricht.

Das erste Wunder ist die Entstehung des Weltalls selbst. Allgemein wird jetzt akzeptiert, dass das Weltall vor ungefähr 20 Milliarden Jahren entstanden ist. Zu diesem Zeitpunkt war alle Materie und Strahlung in einem singularen Punkt konzentriert und explodiert (Urknall, Big Bang, von Gamov publiziert). Dieser Zustand war physikalisch gesehen ein Zustand größter Ordnung beziehungsweise geringer Entropie.
Der „Big Bang“ ist ein Wunder, gemäß der Definition, dass er eine einmalige Erscheinung war, man hatte noch keine Erfahrung. Die Ausdehnung des Weltalls gemäß der physikalischen Gesetze bedeutet somit eine Zunahme der Entropie, eine Zunahme der Unordnung, des Chaos‘.

Das zweite Wunder ist die Entstehung des Lebens.
Vor ungefähr einer Milliarde Jahre entstand die erste lebendige Zelle. Diese Zelle hatte die Möglichkeit sich selbst zu ordnen und sich zu immer höheren Strukturen weiterzuentwickeln. Alles Leben auf der Erde ist von diesem einmaligen Ereignis abgeleitet. Das Wunder bestand darin, das es bis dahin nur eine Zunahme des Chaos gegeben hatte, wohingegen die Zelle zum ersten Mal in diesem Chaos lokal eine Ordnung schuf (negative Entropie).
Wir müssen uns vor Augen halten, dass für die Entstehung des Lebens vor ca. 1 Milliarde Jahren besondere Bedingungen nötig waren, die in dieser Form auf der Erde nicht mehr wiederholbar sind.
Die These, dass das Leben eine höhere Dimension hat als die Materie, kann auf vielen Gebieten Konsequenzen haben.
Seit der Renaissance (-1500) z. B. werden unsere Gedanken immer mehr von den Naturwissenschaften bestimmt, insbesondere von der Physik.
Sogar gesellschaftliche Systeme z. B. der historische Materialismus werden naturwissenschaftlich begründet und als ein geschlossenes System betrachtet. Nun lehrt die Physik, dass in einem geschlossenen System das Chaos immer mehr zunimmt.
Die Erfahrungen mit kommunistischen Systemen bestätigen diese Aussage.

Auch beim Menschen kann man feststellen dass es Personen gibt die ihre Gedankenwelt schon frühzeitig abschließen und damit geistig tot sind.
Andere jedoch bleiben offen und lebendig.

Wie sieht es nun mit unserer Erde aus? Ist unsere Erde ein Klumpen Materie, nur brauchbar als Rohstofflager, oder etwas Lebendiges? Rudolf Steiner (1861 – 1925) beschreibt in seiner Anthroposophie, dass die Erde etwas Lebendiges ist, er spricht über den Lebensleib der Erde. 1969 schlug James Lovelock vor, die Erde als einen lebendigen Überorganismus zu betrachten (Gaia-Hypothese).
Nun haben wir gesehen, dass das Prinzip der Chemie, als Teil der Physik, Chaos ist und naturgemäß in Konflikt kommen muss mit dem Prinzip Leben. Unsere Umweltverschmutzung, die Verunreinigung der Erde mit Dünger, des Wassers mit Industrieabfällen, der Luft mit Verbrennungsprodukten (sogar des Weltalls mit Raketen) sind diesem Lebewesen Erde abträglich und deshalb nicht vertretbar. Es könnte sein, dass jede Verunreinigung der Erde, von der und auf der wir leben, unzulässig ist.
Wir müssen uns darüber im klaren sein, dass die Produkte der Physik (Atomwaffen, Kernkraftwerke) und Chemie (Gift) das Leben vernichten können und dass die Entstehung des Lebens ein einmaliger, nicht wiederholbarer Vorgang war.

Ein anderes Thema stellen die Nahrungs- und Heilmittel dar. Nur Pflanzen und Bäume haben die Möglichkeit, sich aus Materie und Sonnenlicht zu ernähren. Alle Tiere und Menschen können sich nur von etwas Lebendigem ernähren. Wahrscheinlich ist es grundsätzlich unmöglich, Nahrungsmittel in Fabriken herzustellen. Heilmittel können als die Steigerung von Nahrungsmitteln betrachtet werden. Wenn man keine Nahrung herstellen könnte, wäre die Vorstellung, dass Heilmittel hergestellt werden können, die nicht von organischen Stoffen abgeleitet oder nachgebildet sind (Orthomolekular-Medizin), sehr schwierig.

Die Nebenwirkungen von vielen allopathischen Arzneimitteln zwingen mich zu der überspitzten boshaften Aussage:

Nur ein ganz gesunder Mensch kann sich, vorübergehend, allopathische Arzneimittel leisten.

Meine Haltung möchte ich folgendermaßen zusammenfassen:

Man sollte das naturwissenschaftliche Denksystem (Prinzip Chaos) außerhalb der Physik nicht überbewerten, während man dem Leben als Ordnungssystem nicht genug Ehrfurcht entgegenbringen kann.

 

 

 

Literatur:

Bergmann-Schäfer: Lehrbuch der Experimentalphysik Band I, X. Kapitel Wärme

Gerthsen-Knaser-Vogel: Physik, Kapitel V. Wärme

Carl Friedrich von Weizsäcker: Aufbau der Physik 1986

Erwin Schrödinger: Was ist Leben 1944

Gerhard Vollmer: Die Natur der Erkenntnis 1985
                       Die Erkenntnis der Natur 1986

Aleksander Ivanovich Oparin: The origin of life 1924

X Hoimar von Ditfurth: Der Geist fiel nicht vom Himmel

X Die Gaia Hypothese – Neue Zürcher Zeitung 10.05.1989

X Richard Dawkins: Der blinde Uhrmacher (Darwinismus)

X Rupert Sheldrake: Das schöpferische Universum

 

X = einfache Bücher

 

                                               Willem Busscher

 

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